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auf der Suche nach dem mythischen Schlauchapfel

Schlauch|ạp|fel 〈Subst. der; –s; Schlauchäpfel

Während eines wunderschönen Wintertages spazierte ich mit einer eklektischen Sammlung deutschprechender Menschen aus vorwiegend kunstlerichen Bereichen. Irgendwie kamen wir zu der Verdeutschung als Werkzeug der DDR zur Isolation des Volkes. Das beliebste Beispiel war die Verwendung von Schlauchapfel anstatt Banane. Ich kannte das Wort schon lange, aber nicht in diesem Kontext, sondern in Bezug zu der Assimilation neuer Lebensmittel in früheren Zeiten. Viele solche “Importen” sind nach bekannten, gänginen Lebensmitteln gennant worden, oft mit Andeutung zu exotischen Idyllen. Wie zum Beispiel Paradiesapfel für Tomate (in Österreich werden Tomaten immer noch ‘Paradeiser’ gennant), oder, seltener, auch für Grapefruit. Oder die noch im Gebrauch Erdapfel für die Kartoffel (die auch Grundbirne und Erdbirne gennant wird) und Apfelsine für die Orange (‘sine’ heisst hier aber China und nicht Sonne).

Obwohl Apfel nicht die einzige einheimische Frucht ist, die in solchen Komposita gebraucht wird, kommt es sehr oft vor. Der Grund kann man vielleicht in diesem Abschnitt aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (Band I, 1854) verstehen:

“Apfel ist uns im eigentlichsten sinne malum1, im allgemeinen auch andere rund und voll hängende frucht (quae pulpam habet), wie die zusammensetzungen eichapfel, gallapfel, fichtapfel, tannapfel, kienapfel, granatapfel, schlafapfel, erdapfel darthun. An der blume nennt man apfel den samenbehälter.”

Kurzum: Apfel war irgendwie alles, was wie einer Apfel aussieht.

Aber was ist mit dem Schlauchapfel? Gibt es den? Lang und breit suchte ich nach Quellen, die eine offizielle Verdeutschung bestätigen konnten. Im Internet findet man das Wort als Beispiel der Verdeutschung (manchmal in Zeiten der DDR, manchmal währen des Dritten Reiches) sehr oft.  In meiner zugegebenermassen limitierten Sammlung Wörterbücher existiert das Wort aber nicht.  Und auch nicht in den vielen Online-Wörterbücher und -Korpora. Verschwörungstheoretiker spekulieren, dass es aus Schamgefühl aus allen modernen Wörterbüchern erodiert worden sei. Nicht aber seriöse Philologen, die Zugang zu den richtigen Quellen haben, die aber leider zu der Minderheit in der Internetwelt gehören. In einer kleinen Umfrage per e-Mail fand ich folgendes: die, die das Vorhandensein des Schlauchapfels behaupteten, haben das Wort und seine Beziehung zu Autoritarismus durch Dritten gehört oder in den vielen—oft wiederholenden—Quellen im Internet gelesen (Ich danke Euch für Eure Antworten!).

Ursprünglich hiess die Banane im deutsprachigen Raum Paradiesfeige, und tatsächlich ist sie—wenn man eine dezente Vorstellungsgabe übt—einer Feige ähnlicher als einem Apfel. Kurz danach kam auch der Name Adamsfeige, und diese Beziehung zu Adam und zum Paradies öffnet vielleicht einen Weg für das Auftreten des Apfels. Hier ein wunderschönen Abschnitt aus der Adelung (1793-1801):

“Paradiesfeige […] Die Frucht, welche wie ein halber Mond gekrümmet ist, wird von einigen für die verbothene Frucht im Paradiese gehalten, wie sich denn auch Adam mit den großen Blättern dieses Gewächses nach dem Falle bedeckt haben soll; eine Überlieferung, welche diesem Gewächse den Nahmen einer Feige erworben hat.”

Also, Banane ist Feige gennant worden, weil Adam die Blättern des Bananenbaumes für seine Zimperlichkeit brauchte, aber alle Bilder Adams ihn mit einem Feigenblatt darstellten… Aha.

Heisst das denn, dass es keinen Schlauchapfel gibt?  Nein, den gibt es doch!  Und kommt sogar in Rot und in Gelb, wie hier in einem Pomarium aus ca. 18302. Die zwei Fruchte sind aber deutlich Äpfel und keine Banane—sonst wären sie auch nicht in einem Pomarium: Poma->Apfel.

Bei mir gibt es aber den richtigen Schlauchapfel, was nur ein “Apfel aus Schlauch” sein kann:

Schlauchapfel

der Schlauchapfel

Notizen:
1. Malum ist hier eine Deklination des lateinischen Namens für Apfel: Malus, und nichts schlimmes.

2. Der wunderbare Fund der Äpfelsorten gehört ganz zum Lexicographieblog. Ich habe es einfach geklaut.

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2 thoughts on “auf der Suche nach dem mythischen Schlauchapfel

    • ditaviz says:

      Leider ist er ausgeschlaucht worden—weil der Schlauch irgendwo benötigt war. Vielleicht soll er aber durch Nachwuchs ersetzt werden?

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